Kontakt
  Editorials  
  Arbeitsproben  
  Hintergründe  

 

Kletterparadies Tirol
Editorial in CLIMB! special 1/2008

Extrem kleingriffig. Weite Hakenabstände. Beinhart bewertet. Das ist
das Bild, das ich lange Zeit vom Sportklettern in Tirol hatte, entstanden in den späten 80er Jahren. Damals schwappten Berichte über einen Klettergarten bei Innsbruck nach Südbayern. Viele schwierige Routen sollte es dort geben, viele Achter und Neuner. Wir waren sofort neugierig, zumal man munkelte, die Kletterei sei ähnlich wie in Kochel – kleine Leisten und komplizierte Bewegungen. Und wir waren schließlich Kochelfreaks.
 
Also ab ins »Dschungelbuch«. Meine erste Route: »Krieg der Knöpfe«, damals mit VI– bewertet. Ideale Aufwärmroute, ein bisschen einfach vielleicht. Dachte ich jedenfalls. Die Realität war anders: Am vierten Bolt flog ich (weit!) ins Seil, und in den darauf folgenden »Aufwärmrouten« hatte ich nur deshalb keine Hänger, weil ich bis aufs Messer kämpfte, um mich vor den anwesenden Locals nicht zu blamieren. Im eigentlichen Projekt des Tages (»Skydiver«, damals VIII+) hatte ich schließlich so dicke Arme, dass ich bei meinen fünf Versuchen immer am Abschlussüberhang abtauchte (auch weit!). Meinen Kollegen ging es ähnlich, und so fuhren wir am Abend recht frustriert wieder nach Hause. Wir, die Xer-Kletterer. Dafür hielten wir uns vor unserem Inntaltrip jedenfalls.

Drei Jahre ist es jetzt her, dass ich nach langer Zeit das erste Mal wieder in Tirol beim Klettern war. Erst an der Engelswand im Ötztal, am folgenden Tag im Affenhimmel, und zum Abschluss in den Ewigen Jagdgründen. Schwere Irritation: Überall kletterfreundliches Gestein, fantastische Routen, gute Absicherung, normale Bewertung – was war passiert?

Tirol hat sich in den beiden letzten Jahrzehnten zu einer Sportkletterregion allererster Güte entwickelt. Nicht mal im Süden (Italien! Südfrankreich!) gibt es mehr Klettergebiete auf kleinem Raum, noch dazu so gute und so unterschiedliche: Der perfekte Lochkalk an der Chinesischen Mauer, die klare Architektur der Granitblöcke im Ötztal oder im Zillertal, das beste Ambiente der Welt am Schleierwasserfall – wen es da nicht in den Fingern juckt, der hat kein Kletterer-Herz. Dabei setzt die Sportkletter-Entwicklung in Tirol eben erst so richtig ein: Im gemäßigten und unteren Schwierigkeitsbereich werden derzeit viele neue Gebiete erschlossen und überall neue Routen eröffnet, oftmals tatkräftig unterstützt von den Tourismusverbänden vor Ort.

Ob im Genussbereich oder am Ende der Skala, ob Family-tauglich oder in der Pampa, ob Boulderspot oder 40-Meter-Routen – in diesem Special zeigen wir die ganze Bandbreite des Tiroler Sportkletterns. Und das heißt nicht nurTopos und Infos satt, sondern auch viel Atmosphäre. Deshalb schreiben hier die Locals – über ihre Gebiete, über ihre Routen und über ihre Szene. 100 Seiten sind dabei herausgekommen. 100 Seiten Emotion, 100 Seiten Information, 100 Seiten tolle Bilder.

Viel Spaß beim Lesen der ersten CLIMB!-Special-Ausgabe,  und viel Spaß beim Klettern in Tirol!

Thomas Bucher
Verantwortlicher Redakteur CLIMB!
 
     
 
Thomas Bucher Journalist Ethnograph Bergsteiger top